Diese Heimat stand früher an einem anderen Haus. Als mich ein Gärtner vor dem Stasi-Knast bewahrte

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Blogbeitrag 15. August 2017 „Nachdenken über Heimat“

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Michael Funk, geboren 1985 in der DDR, ab 1990 fand seine weitere Ontogenese an gleichem Ort in der BRD statt, studierte im Dresden des neuen Jahrtausends Philosophie, Germanistik und Geschichte, wirkte hier als Wissenschaftler und Hochschullehrer im Bereich Technikphilosophie bis Ende 2015. Seit Anfang 2016 setzt er diese Tätigkeit an der Universität Wien – nahe ehemaligen Zonenrandgebietes – fort.


„Dieses Haus stand früher in einem anderen Land.“ Sprüche wie dieser säumten seit 1990 manche graue Fassade im Ostdeutschland der gesamtdeutschen BRD. Ein Land ging, ein anderes übernahm, das Haus blieb. Ein vor kurzer Zeit verstorbener „Glücksfall für Deutschland und Europa“ versprach jedem dieser Häuser „blühende Landschaften“. Am 10. Mai 1991 durfte sich besagte Person zum Dank in Eiern baden. Er hatte Recht. Angekündigt wurden blühende Landschaften, nicht blühende Menschen. Erst recht von blühender Heimat war nie die Rede. Wer Eier warf, hatte wohl nicht so genau zugehört. Heimat lässt sich nicht versprechen – das wussten der große Gärtner und seine kleinen Spender sehr genau. Ist Heimat eine blühende Landschaft, dann hat man schlicht Glück. Von Politik war nie die Rede. Politik sollte ja eher weniger mit Glück rechnen. Auch die graue Fassade wurde zur Entfaltung getrimmt, nicht mit Glück, aber mit anderen Mitteln. Gekauft, saniert und – die Landschaft soll ja blühen – an jemand anderen einträglich neu vermietet.

„Dieses Haus stand früher in einem anderen Land.“ Ich bin ein Kind der ostdeutschen Nachwende und dieser Spruch ist meine Heimat. Da wo er nicht zur Unkenntlichkeit glatt gemacht erblüht wurde, wich gleich das ganze Haus dem floralen Superlativ. Was demografischer Wandel sein soll wissen die überflüssig gewordenen Pflanztöpfe ganz genau. Ist das gut so? Leben heißt Veränderung. Heimat heißt ja nicht Veränderung, nur Leben. Wie hat es sich in der DDR gelebt? Ich weiß es nicht, ich bewohnte sie nur fünf Jahre. Das hat der Jahrgang 1985 so an sich. Es sind diese fünf Jahre im menschlichen Gedeihen, welche im Brutkasten der erlaubten und geforderten Kindheit den klaren Blick mit fehlendem Verstehen segnen. Heute erinnere ich mich an Dünger, Aluminiumgestänge und das Wettrennen um schnelle Blüte. Alles mit den gleichen Fassaden.

Der Weg von Wien nach Dresden führt mich jetzt durch die Tschechische Republik. „Auch so ein anderes Land“, denke ich mir. Ob das stimmt, will ich nicht wissen. Das entscheiden die Bewohner der grauen und bunten Blumenkästen. Da sehe ich aus dem Fenster so manchen Bahnhof, an dem noch meine Heimat stehen könnte: „Dieser Zug hielt früher in einem anderen Land.“ Und es funktioniert… …bevor ich über die offene Grenze durch bundesdeutsche und österreichische Gebietsrandzonen das durchnormierte Superblau der so natürlich gewachsenen Einheitsbahnhöfe blühen sehe. Muss Heimat authentisch sein? Hoffentlich nicht, sonst hagelt es vor lauter Flor Entwurzelung.

Stünde das Haus meiner ersten fünf Jahre noch im gleichen Land, dann würde ich nicht zwischen Dresden und Wien hin- und her fahren. In der Schweiz einen Essay veröffentlichen – ihn überhaupt zu schreiben, zu denken –, in welchem ein ehemaliges Regierungsoberhaupt wie ein eiernder Gartenzwerg angesprochen und nicht in fortschrittlichen Tönen umjubelt wird? Dafür hätte ich in dem anderen Land in ein Haus kommen können, das heute noch steht – nur eben als museale Gedenkstätte. Manchmal muss man Heimat aushalten können. Selbst wenn sie, wie auch immer geartet, blüht…